Ein fertiges MeshCore-Gerät, das man auspackt, koppelt und mitnimmt: der Seeed Studio Wio Tracker L1 Pro. Wir betreiben ihn als Companion im entstehenden Kärntner MeshCore-Netz, mit dem Repeater AT-VL-GoeriacherAlm als Einstiegspunkt. Wichtig vorweg, weil es oft untergeht: Dafür braucht niemand eine Funklizenz. MeshCore läuft auf dem lizenzfreien 868-MHz-Band, mitmachen darf jeder. Das Ergebnis ist erfreulich, hat aber einen Kratzer, im Wortsinn.
Transparenzhinweis
Zur Hardware: Den Wio Tracker L1 Pro hat uns OpenELAB in Abstimmung mit Seeed Studio kostenlos als Testgerät zur Verfügung gestellt, später kam nach unserer Mängelmeldung noch ein kostenloses Austauschgerät dazu, dazu unten mehr. Über Inhalt und Bewertung hat allein die Redaktion entschieden, eine Freigabe vor Veröffentlichung war nicht vereinbart, eine Gegenleistung für die Berichterstattung gab es nicht. Die Geräte verbleiben bei uns. Die Produktlinks in diesem Beitrag sind keine Affiliate-Links, wir verdienen an einem Kauf nichts.
Und noch eine Einordnung: Das hier ist ein Erfahrungsbericht aus dem laufenden Betrieb, kein Labortest. Wir haben nicht im Messraum gearbeitet, sondern das Gerät benutzt, so wie es jeder andere auch benutzen würde. Die Zahlen weiter unten sind das, was bei uns angekommen ist, keine Datenblattwerte.
Auspacken und erster Eindruck
Im Karton liegt ein kompletter Knoten: nRF52840 als Rechenkern, Wio-SX1262 für LoRa im Bereich 862 bis 930 MHz, ein L76K für GPS, ein 1,3 Zoll großes OLED und ein Vier-Wege-Taster, alles in einem 3D-gedruckten Gehäuse mit 2000 mAh Akku. Wir haben die Variante mit vorinstallierter MeshCore Bluetooth Companion Firmware, also der Rolle, bei der das Gerät als Funkmodem am Handy hängt und die App die Bedienung übernimmt. Sie kostet bei OpenELAB rund 53 Euro, Stand August 2026. Die Antenne ist außen angeschraubt und damit gegen eine bessere tauschbar, was später noch wichtig wird. Für den Preis bekommt man mehr fertiges Gerät als bei den üblichen nackten Boards, bei denen Display, Akku und Gehäuse noch Bastelarbeit sind.
Und dann der Punkt, der uns die Freude verdorben hat: Beim Einrichten ist der orange Cursor-Knopf gebrochen. Kein Sturz, kein Werkzeug, keine übermäßige Kraft, ganz normales Klicken durch das Menü. Der Kappenteil ist gerissen.

Ordnen wir das ein, so fair es geht. Wir haben nachgesehen, ob andere dasselbe berichten: ein bekannter Serienfehler zu diesem Knopf ist nicht auffindbar. Wir beschreiben das also als Einzelfall, nicht als Serienproblem. Ganz allein sind wir aber nicht: Der Ersatzknopf, den wir gedruckt haben, ist überhaupt nur deshalb entstanden, weil beim Designer der Originalknopf nicht mehr sauber geschaltet hat. Dazu liegen für dieses Gerät bereits mehrere Ersatzgehäuse auf Printables. Es gibt also Einzelfälle, ein dokumentiertes Serienthema ist es trotzdem nicht.
Und jetzt die Entwarnung, denn ein Drama ist das nicht. Der Knopf ist ein simples Kunststoffteil ohne Elektronik, der Taster darunter funktioniert einwandfrei. Wer einen 3D-Drucker hat, druckt sich in einer knappen Viertelstunde einen neuen und steckt ihn auf, das ist eher Handgriff als Reparatur. Selbst zeichnen mussten wir dafür nichts: Die Datei gibt es fertig auf Printables, Wio Tracker Joystick button von Shawn Stutzman. Ausgedruckt, aufgesteckt, passt. Blau ist es geworden, weil gerade Blau in der Maschine war.

Auf dem Foto steckt das Gerät gleich in einem passenden Ständer, damit es am Schreibtisch aufrecht steht und die Antenne frei bleibt. Auch der kommt aus der Community, Wio Tracker L1 Pro Tabletop Dock von Noise & Grain Co., ebenfalls gratis auf Printables. Zweiteilig aufgebaut und so ausgelegt, dass ein abgewinkeltes USB-C-Kabel Platz hat, das Gerät kann also am Dock laden und bleibt trotzdem aufrecht. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke dieser Geräteklasse: Knopf, Ständer und Gehäuse sind Druckteile und lassen sich jederzeit anpassen. Andere Farbe, größerer Knopf mit mehr Griff, ein Ständer mit anderem Winkel, eine Halterung fürs Auto oder den Rucksackgurt. Meist hat das ohnehin schon jemand gezeichnet und offen ins Netz gestellt, und wenn nicht, sind es ein paar Minuten im CAD. Wer keinen Drucker hat, fragt in der Vereinsrunde.
Fair ist auch, wie der Anbieter reagiert hat. Nach unserer Meldung wurde uns umgehend ein neuer Wio Tracker zugesagt, der sich bereits in der Auslieferung befindet, ebenfalls kostenlos. Danke dafür an OpenELAB, so stellt man sich Support vor. Am Urteil hier ändert das nichts, der Bericht war zu diesem Zeitpunkt längst geschrieben.
Funktional ist das Gerät ohnehin durchgehend voll benutzbar geblieben. Wer den Knoten als Companion am Handy betreibt, merkt im Alltag praktisch nichts davon. Passieren sollte es bei einem fertig konfektionierten Gerät trotzdem nicht, deshalb steht es hier vorne und nicht in einer Fußnote.
Einrichtung als Companion
Die Einrichtung ist kurz erzählt, weil die Companion-Firmware bereits drauf ist. Gerät einschalten, MeshCore-App am Handy öffnen, per Bluetooth koppeln, Namen vergeben, das für Österreich übliche Preset einstellen, fertig. Bei uns läuft das EU/UK-Narrow-Preset auf 869,618 MHz, so wie im heimischen Netz üblich. Das ist keine Kosmetik: Wer ein anderes Preset fährt, ist auf demselben Band unterwegs und für die anderen trotzdem unsichtbar. Bei uns läuft der Knoten unter der aktuellen Companion Bluetooth Firmware 1.16 als AT-OERadio-OE8YML-Wio. Wer aktualisieren oder die Rolle wechseln will, spielt eine andere Firmware über den MeshCore Web Flasher ein, das dauert keine zwei Minuten.
Danach den Vereinskanal #kf dazu, per QR-Code von unserer MeshCore-Seite. Wie das im Detail geht, steht im Beitrag Wir haben jetzt einen offiziellen MeshCore-Kanal: #kf. GPS haben wir für den Schreibtischbetrieb abgeschaltet, die eigene Position ist am festen Standort ohnehin bekannt und der Empfänger kostet nur Strom.
Ein Wort zum Band, weil auf dem Gehäuse und im Datenblatt 862 bis 930 MHz steht: Das ist die Spanne, die der Funkchip technisch kann, nicht die, die hier erlaubt ist. In Österreich gilt der lizenzfreie SRD-Bereich um 868 MHz, mit maximal 25 mW ERP und 1 Prozent Sendezeitanteil pro Stunde. Wer das Gerät auf die amerikanischen 915 MHz stellt, funkt außerhalb der Zuteilung. Die fertigen Presets halten diese Grenzen ein, man muss also nur beim richtigen bleiben.
Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung schreiben wir hier bewusst nicht ab. Wer beim Einrichten irgendwo hängen bleibt, ist im CarinthiaMesh Wiki besser aufgehoben: dort steht der komplette Ablauf sauber dokumentiert, von der Firmware über die App bis zu den Einstellungen, und zwar aktuell gehalten von den Leuten, die das Netz hier betreiben.
Der Einstiegspunkt: AT-VL-GoeriacherAlm
Ein Handgerät allein ist im Mesh wenig wert, es braucht jemanden, der zuhört. Für unsere Ecke ist das der Repeater AT-VL-GoeriacherAlm. Getestet hat das Ganze Michael, OE8YML, von Nötsch im Gailtal aus, und von dort ist die Alm der natürliche Einstieg ins Netz. Weiter geht es dann über die anderen Standorte, unter anderem Richtung Wolfsberg. In der Kontaktliste am Handy stehen inzwischen 47 Einträge, darunter Knoten aus der Steiermark und aus Wien. Verstehen sollte man das richtig: Direkt erreichen wir davon nur eine Handvoll, der Rest ist über mehrere Zwischenstationen hereingekommen, in der App als Flood gekennzeichnet, im Gegensatz zur Direktverbindung. Wir funken also nicht bis Wien, wir sind über andere Leute mit Wien verbunden. Das ist der ganze Witz an einem Mesh.
Der Dank dafür gehört an eine konkrete Adresse: Aufgebaut hat den Standort unser Vereinskollege Dominic, OE8MDT, der ihn auch als Sysop betreut, also als der, dem der Knoten gehört und der ihn am Laufen hält. Solche Knoten fallen nicht vom Himmel, da stecken Standortsuche, Montage, Stromversorgung und laufende Wartung drin, und zwar in der Freizeit. Alles, was in diesem Beitrag an Messwerten steht, hängt an dieser Vorarbeit.
Genau daran arbeiten wir gerade: Wir bauen dieses Netz mit auf. MeshCore ist auf geplante Infrastruktur ausgelegt, feste Standorte, klare Rollen, sparsam mit Sendezeit. Jeder zusätzliche gut platzierte Repeater bringt mehr als zehn weitere Handgeräte im Tal. Warum wir uns dafür entschieden haben und wo die Unterschiede zum anderen Lager liegen, steht ausführlich in MeshCore und Meshtastic im Vergleich.
Nette Fügung am Rande: Die Göriacher Alm ist selbst ein Seeed SenseCAP Solar Node P1, also derselbe Hersteller wie unser Testgerät, nur mit Repeater-Firmware statt Companion. Das Ding ist ein reiner Infrastrukturknoten: 5 Watt Solarpanel, XIAO nRF52840 Plus mit Wio-SX1262, 862 bis 930 MHz, kein GPS, 2 dBi Dipol, dazu ein Grove-Port für Sensoren. Die 18650 Zellen muss man separat kaufen, sie liegen nicht bei. Bei OpenELAB steht das Gerät bei rund 99 Euro und ist derzeit ausverkauft, Stand August 2026.
Beide Geräte, das Handgerät und der Repeater am Berg, kommen über OpenELAB, eine Plattform, die solche Mesh-Hardware für Europa gut verfügbar hält.
Ein Wort zum Dobratsch
Unterwegs war das Gerät auch am Dobratsch, dort aber ohne verwertbares Ergebnis in Richtung Göriacher Alm: Der Repeater war zu diesem Zeitpunkt noch nicht on air. Wir schreiben das dazu, statt die Lücke mit Vermutungen zu füllen. Vom Berg aus nachgemessen wird, sobald sich das ergibt, und die Werte kommen dann in Teil 2.
Der Hinweis gilt trotzdem: Zahlen von einem freien Bergrücken sehen immer gut aus und sagen wenig über den Alltag. Es entscheidet der Standort, nicht das Gerät. Wer Reichweitenwerte vom Gipfel als Alltagsleistung verkauft, führt Einsteiger in die Irre. Deshalb steht hier das, was daheim tatsächlich herauskommt.
Reichweite im Alltag: vom Haus aus
Der ehrlichere Teil ist der Dauerbetrieb daheim. Antenne im Innenraum, Hauswand, Nachbargebäude, Bewuchs, also genau die Bedingungen, unter denen die meisten ihr Gerät tatsächlich betreiben.
Ein Ping vom Schreibtisch in Nötsch zur Göriacher Alm, rund 6 km Luftlinie, sieht so aus: erfolgreich, 951 ms Laufzeit, SNR hin 9,5 dB, SNR retour 2,5 dB, und zwar als Direktverbindung, ohne Umweg über einen weiteren Knoten. SNR heißt Signal-Rausch-Abstand und beschreibt, wie weit sich das Nutzsignal beim Empfänger vom Rauschen abhebt. Höher ist besser, LoRa kommt notfalls auch mit negativen Werten noch durch. Das reicht für den Zweck: Nachrichten gehen zuverlässig raus, der Knoten bleibt im Netz sichtbar. Praktisch am MeshCore-Companion ist, dass man diesen Ping jederzeit selbst auslösen kann, statt auf gut Glück zu senden und zu hoffen.
Interessanter als der reine Erfolg ist die Schieflage dazwischen. Der Repeater hört uns mit 9,5 dB deutlich besser, als wir ihn mit 2,5 dB zurückbekommen. Am Berg steht eben eine fix montierte Antenne im Freien, bei uns liegt ein Handgerät am Schreibtisch, mit Hauswand davor. Genau deshalb reagiert die Strecke auch so empfindlich auf Kleinigkeiten: ein Meter Standortänderung, Fensterbank statt Schreibtisch, Gerät hochkant statt liegend, das verschiebt den Wert merklich. Wer im Grenzbereich sitzt, holt mit einer besseren Antennenposition mehr heraus als mit jedem Hardwaretausch.
Genau das ist der Grund, warum ein Repeater wie die Göriacher Alm für die Region so viel wert ist. Nicht das Handgerät macht das Netz groß, sondern der gut platzierte Knoten am Berg.
Akkulaufzeit und Handhabung
Hier überrascht das Gerät positiv: ohne GPS, mit Bluetooth zum Handy und Display nur bei Bedienung, hielt eine Ladung knapp fünf Tage. Für einen Knoten, der nebenbei am Schreibtisch mitläuft, ist das ein Wert, mit dem man leben kann, einmal pro Woche ans Kabel und gut. Geladen wird über USB-C, ein Solareingang ist vorhanden. Mit aktivem GPS und kurzem Positionsintervall schrumpft das deutlich, das ist der Preis fürs Mitschreiben der eigenen Spur.
In der Hand liegt das Gerät gut, es ist leicht und passt in die Jackentasche. Das Display ist klein, aber im Freien ablesbar. Den Vier-Wege-Taster würden wir ab Werk gerne etwas robuster sehen.
Fazit
Der Wio Tracker L1 Pro ist ein sinnvoller Einstieg für alle, die einen fertigen, mobilen MeshCore-Knoten wollen und keine Lust auf Gehäusebau und Akkulöterei haben. Vorgeflashte Companion-Firmware, koppeln, Kanal #kf dazu, läuft. Er tut im Alltag genau das, was er soll, und der Preis geht in Ordnung.
Wer dagegen ohnehin gerne bastelt, ein eigenes Gehäuse druckt oder eine andere Antenne fahren will, ist mit einem Baukastengerät flexibler. Und wer Infrastruktur bauen will, braucht kein Handgerät, sondern einen solarversorgten Knoten an einem guten Standort.
Der gebrochene Knopf bleibt ein Wermutstropfen, aber kein Grund, vom Kauf abzuraten. Nach aktueller Recherche ist es ein Einzelfall, und ein Ersatzteil aus dem 3D-Drucker kostet ein paar Gramm Filament. Wir erwähnen es trotzdem deutlich, weil ein Testbericht sonst wenig wert ist. Der Umgang damit war jedenfalls vorbildlich: Ersatzgerät zugesagt, unterwegs, ohne Diskussion.
Ausblick auf Teil 2
In Teil 2 geht es um den anderen Weg ins Netz: das Seeed XIAO ESP32S3 zusammen mit dem Wio-SX1262 Kit, also ein Knoten zum Selberbauen statt zum Auspacken. Das Kit ist derzeit im Restocking, sobald es da ist, bauen wir es auf, vergleichen es mit dem L1 Pro und schauen uns an, was der Selbstbau an Flexibilität bringt und was er an Zeit kostet. Und wenn sich der Weg auf den Dobratsch ergibt, nehmen wir die Werte vom Berg gleich mit.
