Stell dir vor, du schaltest ein ganz normales UKW-Radio ein und hörst plötzlich Sender aus Kroatien, Norditalien oder sogar Ungarn. Kein Internetradio, kein Trick, einfach Funkwellen. Klingt verrückt? Genau das passiert, wenn man den richtigen Empfänger hat. Ich nutze seit längerer Zeit den TEF6686 als DX-Empfänger, und ich will euch zeigen, was dieses kleine Ding alles draufhat.
Was ist der TEF6686?
Im Kern ist der TEF6686 ein Tuner-Chip von NXP (früher Philips Semiconductors). Eigentlich wurde er für Autoradios entwickelt. Aber das Ding kann so viel mehr. Der Chip packt einen kompletten AM/FM-Empfänger mit digitaler Signalverarbeitung (DSP) auf einen einzigen Baustein. Die gesamte Filterung, die Demodulation, die Rauschunterdrückung: alles passiert digital. Und zwar auf einem Level, das selbst teure HiFi-Tuner in den Schatten stellt.
Richtig spannend wurde es, als der niederländische Funkamateur Sjef Verhoeven (PE5PVB) erkannt hat, was in diesem Chip steckt. Er hat ihn mit einem ESP32-Mikrocontroller zu einem eigenständigen Empfänger gemacht und die Firmware als Open Source veröffentlicht. Das war der Startschuss für eine ganze Bewegung in der FM-DX-Szene.
Was macht den TEF6686 so besonders?
Ganz einfach: Er hört Sachen, die andere Radios komplett verschlucken.
- Extrem empfindlich: Mit einem Rauschboden von etwa -120 dBm zieht der TEF6686 noch Signale rein, wo andere Empfänger längst nur Rauschen liefern.
- Einstellbare Bandbreite: Die DSP-Filter lassen sich stufenlos zwischen 56 kHz und 311 kHz regeln. Schmal einstellen, wenn man einen schwachen Sender neben einem starken rausholen will. Breit für sauberen Stereo-Klang.
- RDS-Dekodierung: Sendername, PI-Code, Radiotext: der Empfänger wertet alles automatisch aus und zeigt es am Display an.
- Riesiger Frequenzbereich: UKW von 64 bis 108 MHz (OIRT + CCIR), dazu AM mit Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle (144 kHz bis 27 MHz).
- Multipath-Unterdrückung: Reflexionen und Mehrwegempfang werden digital herausgerechnet. Das bringt der Chip aus seiner Autoradio-DNA mit.
Um das mal einzuordnen: In einem Praxistest von rein-hoeren.de hat der TEF6686 mit einer simplen 75-cm-Teleskopantenne indoor 49 UKW-Sender empfangen, 31 davon mit RDS. Darunter Radio France International auf 96,7 MHz aus über 260 km Entfernung. Im Freien waren es sogar 114 Sender. Mit einer Teleskopantenne!
Die verschiedenen Module und Varianten
Mittlerweile gibt es den TEF6686 in ganz verschiedenen Ausführungen. Vom Selbstbau-Kit für Bastler bis zum fertigen Taschenradio ist alles dabei.
ESP32 TEF6686 Tuner (Selbstbau)
Das ist das Originalprojekt von PE5PVB: Ein TEF6686-Chip, gesteuert von einem ESP32-Mikrocontroller, mit TFT-Farbdisplay. Die aktuelle Firmware steht bei v2.11, Betaversionen laufen über den FMDX-Discord. Die Version 2 hat ein größeres Display, einen Spektrum-Monitor, WiFi-Anbindung (z.B. für XDR-GTK) und Bluetooth-Audio bekommen. Die kompletten Bauunterlagen sind frei verfügbar: auf FMDX.org, PCBWay und als Schritt-für-Schritt-Anleitung auf Instructables.
Headless TEF (für den Webserver-Betrieb)
Wer den TEF6686 nur als DX-Webserver betreiben will, braucht kein Display. Genau dafür gibt es den Headless TEF: eine kompakte Platine (80 x 40 mm) mit STM32-Prozessor, TEF668x-Chip, I2S-Audio mit ca. 100 dB Dynamikumfang und zwei Antennenanschlüssen samt integriertem Umschalter. Das Geniale: ein einziges USB-Kabel reicht für Strom, Audio und Steuerung. Die Firmware kommt von Konrad (FM-DX Tuner Firmware) und ist voll kompatibel mit dem FM-DX Webserver und XDR-GTK. Alle Infos und Bauunterlagen findet ihr auf FMDX.org.
Wer es noch schlanker will: Es gibt auch den Headless TEF Lite, eine abgespeckte Version mit nur einem AM/FM-Antenneneingang und ohne Erweiterungsmodule. Noch kompakter, noch günstiger.
Fertiggeräte zum Kaufen
Verschiedene Hersteller (vor allem aus China) haben PE5PVBs Open-Source-Projekt aufgegriffen und bauen eigene TEF6686-Empfänger. Die bekommt man ab ca. 25 bis 130 Euro fertig geliefert. Die bekanntesten Modelle:
- Goozeezoo TEF6686: Das „Original“ unter den China-Varianten. Silbernes Metallgehäuse, großes Farbdisplay, solide Verarbeitung.
- Goozeezoo Mini TEF6686: Gleicher Chip, deutlich kompakter. Erstaunlich, was die kleine Kiste leistet.
- Qodosen SR-286 / DX-286: Sieht aus wie ein klassisches Taschenradio. Monochromes LCD, Ferritstab für AM, Teleskopantenne.
- Deepelec DP-666: Neueres Modell mit solider Firmware-Unterstützung.
- HamGeek-Varianten (MAG662, RX260-A u.a.): Verschiedene Gehäuse und Displaygrößen, schon ab ca. 25 Euro auf AliExpress.
Ein Hinweis: Die Firmware unterscheidet sich je nach Hersteller und Charge. Manche Geräte laufen mit der originalen PE5PVB-Firmware, andere mit modifizierten Versionen wie z.B. „Megatron Mod17″. Die Community auf FMDX.org hilft beim Update und bei der Auswahl. Auch die Facebook-Gruppe ist sehr aktiv.
Kurz erklärt: Was ist FM-DX?
FM-DX heißt nichts anderes als Fernempfang auf UKW. Sender hören, die eigentlich viel zu weit weg sind. „DX“ kommt aus der Telegrafie und steht für „Distanz“. Je weiter weg der Sender, desto cooler.
Normalerweise kommt UKW nur bis zum Horizont, also etwa 50 bis 100 km. Aber unter bestimmten Wetterbedingungen passiert etwas Spannendes:
- Tropo (Troposphärische Überreichweiten): Bei stabilen Hochdrucklagen bilden sich Inversionsschichten, die UKW-Signale über Hunderte Kilometer weiterleiten. Plötzlich hörst du Sender, die normalerweise weit außer Reichweite sind.
- Sporadic-E: Vor allem im Sommer (Mai bis August) reflektieren ionisierte Schichten in der Atmosphäre UKW-Signale über 1.000 km und mehr. Da kommen dann schon mal Sender aus Spanien, Griechenland oder Nordafrika rein. Auf ganz normalem UKW.
Und genau hier zeigt der TEF6686, was er kann: Wo ein normales Radio nur Rauschen bringt, filtert er das schwache DX-Signal sauber heraus.
Das FM-DX Webserver-Netzwerk
Jetzt wird es richtig interessant. Die vielleicht spannendste Entwicklung rund um den TEF6686 ist der FM-DX Webserver. Das ist eine Open-Source-Software von Marek Farkaš (NoobishSVK), die aus einem TEF6686-Empfänger eine über den Browser steuerbare Radiostation macht.
So läuft das ab: Jemand schließt einen TEF6686 (oft ein Headless-Modul) an einen Computer an, installiert den FM-DX Webserver und stellt ihn ins Netz. Ab dem Moment kann jeder diesen Empfänger fernsteuern: Frequenz wechseln, Audio live hören, RDS-Daten auslesen.
Was der Webserver alles kann:
- Live-Audio-Stream direkt im Browser, keine App nötig, geringe Latenz
- Frequenz fernsteuern von jedem Gerät mit Browser
- Automatische Sendererkennung anhand von PI-Codes und RDS-Daten
- Chat-Funktion, um sich live mit anderen DXern auszutauschen
- Plugin-System für Spektrumanzeige, Senderlogs, Wetterdaten, GPS und mehr
- Admin-Panel zur Verwaltung des eigenen Servers
Unterstützte Hardware: TEF668x (mit PE5PVB- oder Konrad-Firmware), XDR-F1HD, und über Plugins auch SDR-Empfänger wie AirSpy oder RTL-SDR. Läuft auf Windows und Linux.
Die Server-Karte: Über 500 Empfänger online
Auf servers.fmdx.org gibt es eine interaktive Weltkarte mit allen öffentlichen FM-DX Webservern. Aktuell sind über 500 Server online, die meisten in Europa, aber auch in Australien, Indien, Chile und vielen anderen Ländern. Die Karte aktualisiert sich automatisch. Einfach einen Server anklicken, auf „Connect“ drücken, und schon hörst du live, was die Antenne an diesem Standort gerade einfängt.
Das ist aktuell das größte öffentliche FM-Empfänger-Netzwerk. Kostenlos, ohne Registrierung, komplett Open Source.

Mein Setup in Kärnten
Ich bin Michael, im Amateurfunk als OE8YML unterwegs. Das ist so etwas wie ein persönlicher Funkname, den man nach einer Prüfung bei der Fernmeldebehörde bekommt. Seit längerer Zeit betreibe ich meinen eigenen FM-DX Webserver hier in Kärnten, Österreich, und das Ganze macht mir einen Riesenspaß.
Mein Setup sieht so aus:
- Empfänger: TEF6686
- Computer: Panasonic Toughpad FZ-M1. Das ist ein robuster, lüfterloser Mini-Windows-PC, der eigentlich für den Outdoor- und Industrieeinsatz gebaut wurde. Bei mir läuft er rund um die Uhr.
- Antenne: EuroDX, eine Richtantenne speziell für FM-DX. Signale aus einer Richtung werden verstärkt, Störungen von der Seite abgeblockt. Die meisten FM-DXer setzen auf solche Yagi-Antennen.
- Internet: Der Server läuft bei mir zuhause und wird über einen Cloudflare Tunnel (cloudflared) ins Netz gebracht. Ohne Portfreigabe, ohne öffentliche IP-Adresse, einfach einzurichten und stabil.

Und das Beste: Du kannst meinen Empfänger jetzt gerade live ausprobieren.

Frequenz einstellen, Audio hören, RDS-Daten lesen. Alles direkt im Browser. Kein Login, keine App, einfach aufrufen und loslegen.
DX-Antennen: Kaufen oder selber bauen
Beim FM-DX ist die Antenne mindestens so wichtig wie der Empfänger. Viele sagen sogar: wichtiger. Die meisten DXer setzen auf Yagi-Antennen, also Richtantennen mit mehreren Elementen (Direktor, Dipol, Reflektor). Je mehr Elemente, desto höher der Gewinn und desto enger der Empfangswinkel. Typische FM-DX-Yagis haben 5 bis 10+ Elemente und bringen 9 bis 14 dBi.
Fertige Antennen gibt es z.B. bei RF-DXING. Wer lieber selber baut:


- Faltdipol: Ein Stück Draht (ca. 150 cm), an ein Koaxialkabel gelötet. Dauert 20 Minuten, kostet unter 5 Euro. Erstaunlich gut als Einstieg. Zur Anleitung
- FM-Loop: Eine Drahtschleife für UKW, kompakt, ideal für Balkon oder Dachfenster. Unter 20 Euro. Zur Anleitung
- Yagi (Selbstbau): Mit Alurohren und einem PVC-Boom. Ab 25 Euro Material, in etwa einer Stunde gebaut. Bauanleitungen auf FM DXing
Videos: Der TEF6686 in Aktion
Bilder sagen mehr als tausend Worte. Hier ein paar Videos, die zeigen, was der TEF6686 draufhat:
TEF 6686: Geheimtipp Rundfunk DX Radio, Bedienungsanleitung (deutsch)
TEF6686: Best Portable Radio? Full Band Receiver Test!
Tropo FM-DX: RAI Radio 1, 2, 3 aus Italien, empfangen mit TEF6686
FM-DX Webserver Setup-Tutorial für Windows (TEF6686 / XDR-F1HD)
The TEF Mini 6686: Tiny FM DX Machine!
FM-DX: Der Einstieg ohne Hürden
Das Schöne an FM-DX: Man braucht keine Lizenz, keine Prüfung und keine Genehmigung. Wer ein Radio hat, darf zuhören. So einfach ist das. In der Funk-Szene nennt man das SWL (Short Wave Listening). Auch wenn es hier um UKW geht, das Prinzip ist dasselbe: Empfangen, staunen, lernen.
Ein TEF6686 ab 25 Euro, eine gute Antenne, und bei den richtigen Bedingungen empfängst du Sender, von denen du vorher nicht mal wusstest, dass sie existieren. Und wenn du Lust hast, stellst du deinen eigenen Webserver ins Netz und teilst deine Antenne mit DXern überall.
Bei Fragen melde dich einfach: Zum Kontaktformular
Michael, OE8YML
Quellen und weiterführende Links
- FMDX.org – Open FM DX Hub (Projekte, Firmware, Community)
- TEF6686 ESP32 Tuner – Selbstbau-Projekt von PE5PVB
- Headless TEF Tuner – Modul für Webserver-Betrieb
- FM-DX Webserver – Open-Source-Software (GitHub)
- FM-DX Server-Karte – 500+ öffentliche Empfänger
- rein-hoeren.de – TEF6686 Praxistest (deutsch)
- DIGITAL FERNSEHEN – TEF6686-Modelle im Vergleich
- FM DXing Blog – DIY-Antennen und Selbstbau
- lmfmdx.oeradio.at – mein FM-DX Webserver in Kärnten